Topical Authority im Licht des Google-Leaks
Im Mai 2024 erreichte die digitale Branche einen Wendepunkt. Der Leak von über 2.500 Seiten interner Google-Dokumentation (der "Google Search API Leak") beendete faktisch die Ära der Spekulation rund um Topical Authority.
Die offengelegten Definitionen bestätigten: Moderne Suchmaschinen betrachten Websites nicht mehr ausschließlich als Linkgraphen (klassisches PageRank-Modell). Im heutigen Information Retrieval Framework wird eine Website als ein Vektor in einem mehrdimensionalen mathematischen Raum analysiert.
Unter den tausenden geleakten Attributen kristallisierte sich Site Focus (siteFocusScore) als entscheidender Qualitätsparameter heraus. Diese mathematische Metrik zieht eine klare Grenze zwischen expertengeführten Websites und generalistischen Portalen. Die Dokumentation führte zudem Site Radius (siteRadius) ein, das Site Focus ergänzt, indem es den Grad der thematischen Streuung innerhalb einer Domain beschreibt.
Was bedeutet das in der Praxis? Schauen wir es uns genauer an.
Was ist Site Focus?
Der siteFocusScore Parameter ist ein numerischer Wert, der den Grad der thematischen Konzentration einer Domain definiert. Vereinfacht gesagt beantwortet diese Metrik eine zentrale Frage: Ist diese Website ein spezialisierter Experte in einem bestimmten Bereich – oder nur ein generalistisches Portal?
Um zu verstehen, wie dieser Mechanismus funktioniert, verwenden wir eine einfache Analogie:
- Hoher Site Focus (Der Laser-Effekt): Stell dir eine Website vor, die Inhalte ausschließlich zu einem einzigen Thema veröffentlicht – zum Beispiel Spezialitätenkaffee. Jeder Artikel ist thematisch miteinander verknüpft. Die „Energie“ dieser Website wirkt wie ein Laser – schmal gebündelt, aber extrem kraftvoll und präzise. Für Algorithmen ist eine solche Website die unangefochtene Autorität in ihrer Nische.
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Niedriger Site Focus (Der Glühbirnen-Effekt): Am anderen Ende des Spektrums stehen Multi-Themen-Portale, die alles abdecken – von Bauwesen bis Haute Couture. Ihre Inhalte sind über die gesamte thematische Landkarte verteilt. Sie funktionieren wie eine gewöhnliche Glühbirne – sie leuchtet einen großen Bereich aus, doch das Licht ist diffus und schwach. Eine solche Website hat einen niedrigen Focus-Wert, da ihr eine klare Spezialisierung fehlt.

Vektormathematik basiert auf einem einfachen Prinzip: Experten sind vertrauenswürdiger. Hat eine Website einen hohen Site Focus, gehen Ranking-Systeme deutlich eher davon aus, dass auch jede weitere Veröffentlichung auf dieser Domain hohe thematische Qualitätsstandards erfüllt.
Kommentar

Matuesz Godzic, Head of Growth bei WhitePress®
Heute entwickelt sich SEO zu einer Disziplin der Präzision – und der Aufstieg von KI beschleunigt diesen Prozess zusätzlich. Für Bauchgefühl oder hohle Metriken ist kein Platz mehr. Man muss genau wissen, warum man sich für ein bestimmtes Portal zur Veröffentlichung entscheidet. Der Schlüssel liegt im Aufbau von Autorität – nicht nur bei Google, sondern über alle Kanäle hinweg, die Wissen aus unserer Arbeit beziehen. Die Ära der Manipulation und des 'Erzwingens' von Traffic über themenfremde Keywords verblasst langsam. Diese Revolution geschieht nicht über Nacht, doch ihr Fortschritt ist stetig und unvermeidlich.
Wie wird der Site Focus-Score berechnet?
Algorithmen lesen Texte nicht wie Menschen – sie wandeln sie in Zahlen um. Die Berechnung der thematischen Konsistenz erfolgt in vier Schritten:
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Content-Extraktion: Der Prozess beginnt mit dem Crawlen der Sitemap und der Extraktion relevanter Textdaten jeder Unterseite. Ziel ist es, die "semantische DNA" jedes Artikels zu isolieren.
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Vektorisierung (Embeddings): Anschließend werden wortbasierte Darstellungen in mathematische Darstellungen, sogenannte Vektoren, umgewandelt, die dann in einem mehrdimensionalen Raum eingebettet werden. In dieser Umgebung entspricht "Bedeutung" der "Position" – Texte mit ähnlichen Themen landen nahe beieinander.
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Berechnung des Zentrums (Zentroid): Der wichtigste Schritt: Ein Durchschnittsvektor, das sogenannte Zentroid, wird für alle Vektoren (Seiten) einer Domain berechnet. Das Zentroid ist das mathematische "Schwerpunkt" der Website. Es definiert die Identität des Portals – den Punkt, um den sich alle Inhalte drehen.
- Distanzmessung: Schließlich wird gemessen, wie nahe einzelne Seiten diesem Zentroid liegen. Je dichter die Vektoren beieinander liegen, desto höher der Site Focus.
Durch diesen Ansatz errät das System nicht das Thema – es berechnet es. Es kann klar erkennen, ob das Portal auf Kurs bleibt (ein dichter Cluster von Punkten) oder in zufällige Richtungen abdriftet. Es ist auch erwähnenswert, dass sowohl Site Focus als auch Site Radius dynamische Metriken sind; sie ändern sich jedes Mal, wenn Inhalte veröffentlicht, aktualisiert oder entfernt werden und sich das thematische Profil der Domain weiterentwickelt.
Warum rohe Zahlen nicht ausreichen
Wenn wir uns ausschließlich auf rohe mathematische Berechnungen verlassen würden, würde das Ergebnis für den durchschnittlichen Benutzer wenig bedeuten. Der Grund: Moderne Sprachmodelle neigen zu einem Phänomen namens Anisotropie.
Textvektoren neigen dazu, sich in einem engen Bereich des Vektorraums zu gruppieren – oft als "Cone Effect" bezeichnet. Aufgrund dieses Effekts können selbst thematisch unterschiedliche Artikel oberflächlich hohe Ähnlichkeit aufweisen, weil sie die gleiche Sprache und Grammatikstruktur teilen.
Wenn man den Site Focus mit unbearbeiteten Daten in diesem Kontext berechnet, könnte man einen abstrakten Wert wie 0.064 erhalten. Ohne einen Referenzpunkt ist dieser Wert bedeutungslos. Es ist unmöglich zu sagen, ob er auf hohe Autorität oder thematische Unordnung hinweist.
Die Lösung: Kalibrierung
Um diese Zahlen in umsetzbare Geschäftseinblicke zu verwandeln, müssen die Ergebnisse einer Kalibrierung (Feinabstimmung) unterzogen werden. Dies beinhaltet das Erstellen einer Referenzskala durch Benchmarking von breiten, mehrthematischen Portalen gegen hyper-spezialisierte Nischenseiten.
Durch diesen Prozess werden rohe Mathematikwerte in klare, intuitive Kategorien übersetzt. Dies ermöglicht es den Benutzern, leicht zwischen einem „Catch-all“-Portal und einer streng fokussierten, thematischen Autorität zu unterscheiden.
Was ist Site Radius?
Während Site Focus die Gesamtgesundheit einer Website beschreibt (Überprüfung auf totale Konsistenz), ermöglicht Site Radius eine Bewertung jedes einzelnen Artikels. Es ist eine Distanz-Metrik, die berechnet, wie weit eine bestimmte Unterseite vom Kern-Thema der Website "abgedriftet" ist.
Um dies zu visualisieren, greifen Datenanalysten oft auf eine astronomische Analogie zurück:
- Die Sonne (Zentroid): Das primäre Thema der Website (z. B. „Automotive“).
- Die Planeten (Unterseiten): Einzelne Artikel.
- Die Umlaufbahn (Radius): Der Abstand eines Planeten von der Sonne.
Wie interpretiert man den Radius?
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Niedriger Site Radius (Eine enge Umlaufbahn): Ein Artikel, der eng mit dem Kernthema der Website übereinstimmt (z. B. ein Beitrag über Reifen auf einem Automotive-Portal), bleibt nah an der „Sonne“. Dies signalisiert, dass der Inhalt relevant ist und zum Expertenprofil der Website passt.
- Hoher Site Radius (Der Komet): Wenn dasselbe Portal einen Artikel veröffentlicht, der völlig themenfremd ist (z. B. ein Kochrezept), landet dieser in einer sehr weit entfernten Umlaufbahn. Sein Vektor liegt weit vom Zentroid entfernt.
Ein hoher Site Radius dient oft als Warnsignal. Er kann auf einen Versuch hinweisen, Rankings zu manipulieren, auf eine „Verdünnung“ der Autorität der Website oder auf das Fehlen einer kohärenten Content-Strategie.
Wie setzt man diese Metriken in der Praxis ein?
Während Site Focus und Site Radius keine eigenständigen Ranking-Faktoren sind, ermöglichen sie es, SEO und Content-Marketing mit einem viel höheren Maß an Struktur anzugehen. Entscheidungen verlagern sich weg von „Bauchgefühl“ und hin zu Analysen, die auf harten Daten basieren.
Es ist wichtig zu beachten, dass dies keine Metriken sind, die direkt aus der Google Search Console oder gängigen SEO-Tools abgerufen werden können. Sie sind das Produkt fortschrittlicher Vektoranalyse und erfordern die Verarbeitung massiver Datensätze durch Large Language Models (LLMs). Infolgedessen wirst du sie normalerweise über spezialisierte Plattformen abrufen – und sie werden bald direkt in der WhitePress® Plattform verfügbar sein!
Präzision bei der Wahl der Veröffentlichungsplatzierungen
Traditionelle Methoden zur Auswahl einer Veröffentlichungsplattform – zum Beispiel für einen Gastbeitrag – stützen sich oft auf grobe Kategorien und bieten nicht die Einblicke, die Site Focus und Site Radius liefern. Suchst du nach Portalen, um Links oder Markenplatzierungen zu erhalten und deine Sichtbarkeit bei AI und Google zu verbessern? Mit diesen Metriken kannst du dein Vorgehen auf ein neues Level heben. Besonders hilfreich ist dies bei der Bewerbung eines spezialisierten Produkts, da du so Websites gezielt identifizieren kannst, die eine hohe Konzentration an Inhalten zu deinem spezifischen Thema aufweisen.
Darüber hinaus können diese Systeme selbst auf generalistischen Portalen die passende Stelle für eine Veröffentlichung finden, indem sie Content-Cluster identifizieren, die semantisch mit deinem Artikel verwandt sind. Das bedeutet, dass du trotz eines insgesamt niedrigeren Site Focus der Domain dennoch den besten Platz für einen Link oder eine Markenplatzierung genau auswählen kannst. Dies ist ein großer Schritt in Richtung hochwertiges, präzisionsbasiertes Linkbuilding.
Kommentar

Katarina Dahlin, Senior Growth Hacker & SEO Expertin bei WhitePress®
Vor ein paar Jahren konnte ich eine einzelne Website für mehrere völlig unterschiedliche Themen ohne große Schwierigkeiten ranken. Heute funktioniert das nicht mehr, während thematisch fokussierte Seiten breitere Seiten übertreffen – selbst wenn diese mehr Inhalte haben. Die Art und Weise, wie der Algorithmus Websites bewertet, hat sich deutlich verändert, was Content-Pruning und einen kritischeren Ansatz bei der Inhaltserstellung erforderlich macht. Dasselbe Prinzip gilt für das Linkbuilding: Die Auswahl thematisch relevanter Publisher ist entscheidend für den Erfolg.
Topical Hygiene und Content-Pruning
Für Website-Betreiber ist Site Radius ein unglaublich wertvolles Diagnosetool. Es ermöglicht, genau zu erkennen, welche Unterseiten zu weit vom Kernthema abweichen. So lassen sich Artikel identifizieren, die die Autorität der Domain verwässern – zum Beispiel veraltete Beiträge, die nicht mehr zum aktuellen Profil passen.
In vielen Fällen kann Content-Pruning – also das Entfernen von Inhalten, die den Site Radius künstlich erhöhen – die Domain-Autorität effektiver steigern als das Veröffentlichen neuer Artikel. Manchmal genügt bereits ein einfaches Update, das Zusammenführen thematisch verwandter Beiträge oder das Platzieren dieser Inhalte in einem stärkeren thematischen Kontext.
Automatische Kategorisierung
Die bedeutendste Innovation besteht darin, sich von der „Selbstdeklaration“ zu lösen. Bis jetzt hing die Kategorie eines Portals vollständig davon ab, wie der Publisher es selbst beschrieben hat. Dank semantischer Embeddings, definieren nun die Content-Vektoren selbst die Kategorie. Das System weist ein Portal automatisch dem richtigen „semantischen Cluster“ zu, basierend darauf, was tatsächlich veröffentlicht wird, und nicht darauf, was im Footer angegeben ist.
Kommentar

Itamar Blauer, Head of Marketing & Growth bei WhitePress® (UK)
Site Focus und Site Radius liefern ein klareres Bild der Relevanz einer Website, basierend auf mathematischen Berechnungen, die sich am tatsächlichen Content der Site orientieren. Sie ermöglichen Marketern, schnell zu erkennen, ob eine Website tief spezialisiert, breit thematisch aufgestellt oder über Themen verstreut ist und wie gut sie mit den Themen übereinstimmt, mit denen sie in Verbindung gebracht werden soll.
Mathematik – die Neue Währung im SEO
Der Google API-Dokumentations-Leak war ein entscheidender Wendepunkt, der bestätigte, dass Topical Authority eine harte, berechenbare Größe ist. Er dient als deutliches Signal dafür, dass SEO zunehmend ein Bereich der Datenwissenschaft wird und nicht mehr auf subjektiver Interpretation basiert.
Metriken wie Site Focus und Site Radius ermöglichen es uns, dieses Umfeld mit mathematischer Präzision zu navigieren. Anstelle von Intuition erhält die Branche harte Zahlen, die Marken erlauben, ihre Sichtbarkeit strategisch aufzubauen und im Einklang mit der Logik moderner Suchmaschinen zu optimieren.